Montag, 3. Februar 2014

Wanderlust

Es ist ja schon gefühlte Tradition. Nach drei Jahren weg aus Kassel, nun nach zweieinhalb jahren weg aus Düsseldorf. Auf nach Frankfurt! Cool, mag sich der ein oder andere denken. Ja, ich finde es auch cool und freue mich wirklich, dass ich so viel Glück habe, oder hatte.

Nichtsdestotrotz verbindet sich das bei mir immer mehr mit einem faden Beigeschmack. Ich bin es langsam Leid, umzuziehen, nirgends ein etabliertes soziales Grounding zu haben und regelmäßig das Gefühl haben zu müssen, dass ich nirgends "fest" bin. Das werde ich auch - erstmal - in Frankfurt nicht sein, denn die Stelle ist natürlich auch erst einmal wieder befristet. Aber wie sagte man mir auf dem Amt, je südlicher, umso standfester wird die ökonomische Situation und damit das Herauskristallisieren eines Lebensmittelpunktes. 

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht lange Gedanken bezüglich finanzieller und emotionaler Sorgen oder Zweifel loswerden, denn das folg erst später. Getreu dem Motto, erst das Positive, dann das Negative. Demzufolge ein Resümee bezüglich Düsseldorf.

Ich war nun wie gesagt zweieinhalb Jahre hier, habe mehr von der Stadt gesehen als von Kassel, wo ich ein halbes Jahr länger war. Habe demzufolge auch mehr erlebt und erfahren, aber das war ja quasi gesetzt, denn als Rheinmetropole (die Düsseldorf sein will), bietet die Stadt aufgrund ihrer günstigen Lage per-se mehr, als die - im Nachhinein wirklich als "Paradies" zu geltende - nordhessische Kurmetropole. Zentral gelegen, und durch das wirklich grandiose Semesterticket als Student, hat man von Düsseldorf aus gute Verbindungen in noch größere Metropolen (Köln im Süden und Essen-Dortmund-Bochum im Norden) oder zu architektonisch wie historisch wunderschönen Städten (Bonn und Aachen).
Darüber hinaus konnte ich mich auch praktisch in Düsseldorf "leichter" weiterbilden, als es in Kassel der Fall war. Neben dem erfolgreichen Abschluss des akademischen Grades Master of Art erwarb ich etwas berufliche und studienrelevante Erfahrungen in der redaktionellen Arbeit und der journalisitischen Arbeitsweise. Auch sozial stellte sich meine Zeit hier als aktiver heraus, bedingt durch die Akkumulation von Freunden und Bekannten. Darüber hinaus wurde meine Fernbeziehung temporär zu einer Nichtfernbeziehung. Alles in allem ziehe ich ein positives Fazit aus der Zeit am Rhein. Die Kehrseite der günstig gelegenen Lage und der Menschenhäufung ist, dass man als allein Zugezogener quasi keine Kontakte hat.

Die immer rarer werdenden Stellen landen daher vemeintlich bei eher Ansässigeren, die eben das nötige Vitamin-B haben, ein unterstützendes Elternhaus für ambitioniertere Vorhaben oder schlichtweg eine größere Kenntnis der Umgebung. Kurzum: Mein Lebenslauf wird sich bald noch mehr wie derjenige eines Vagabunden lesen. Zitat: "Aber gerade das macht dich für Arbeitgeber interessant!". Damit gekonnt übergeleitet zu den oben angesprochenen Sorgen und Zweifeln.

Ich bin langsam echt müde von den ganzen ortswechseln. Lustlos, mich da erneut um alles zu kümmern. Nicht befähigt, das finanziell unbeschadet zu schaffen. Ich kriege ohne Witz Kopfschmerzen, wenn ich an die Wohnungssuche denke. Gedanken wie "Wie zahle ich die womöglich immer schwerer zu umgehende Provision/Courtage neben der obligaten Kaution?" "Dazu die erste Miete und mögliche Einrichtungsgegenstände?" "Achja, den Transport. Wagen mieten; wieder Geld." "Ah, ich kann ja nicht fahren, wen kann ich da um Hilfe bitten?" Diese Abhängigkeiten zermürben mich. Ich habe fünf Jahre - also in Regelstudienzeit - überdurchschnittlich erfolgreich studiert. Natürich keines der an einer Hand abzählbaren Fächer, mit denen man garantierten Erfolg hat, aber ich verdiene als Vollzeitkraft nahezu so viel, wie ein Auszubildender im dritten Jahr. Dabei habe ich wie gesagt schon fünf Jahre (berufsqualifizierende) Ausbildung und zwei Abschlüsse.
Das finanzielle mal beiseite. Es mag dick aufgetragen klingen aber mir fehlt zum Teil echt emotionaler Support. Meine Restfamilie entfernt sich nicht nur geographisch immer mehr, sie ist auch einfach so nicht imstande, mich irgendwie symbolisch aufzufangen. Beim Amt so "Ja, können Sie nicht, wenns ganz hart auf hart kommt, zurück zur Mutter?" Nein. "Können Sie für eine kurzfristige Übergangslösung Ihre Habseligkeiten bei der Mutter unterstellen?" Nein. "Haben Sie Familie, die für sie fahren oder gar bürgen kann?" Nein. 
Hätte ich meine Freundin nicht, wäre ich echt verloren lol. Wirkliche Freunde (in meinem Alter) habe ich nicht (mehr), außer vereinzelt an anderen Ecken des Bundesgebietes. Neue zu finden ist für mich in immer neuen Umgebungen - gepaart mit meiner Persönlichkeit (eher nicht so offen, obwohl mir letztens wieder gesagt wurde, ich sei kontaktfreudig; das macht vielleicht die Einsamkeit lol) - ziemlich schwer.

Es ist nicht so, als würde ich mich auf Frankfurt/Main als neue Stadt mit einem neuen Anfang nicht freuen. Aber der Weg dahin lässt mich daran (noch) nicht so wirklich denken. Ich werde, eventuell, Schulden machen müssen, um da überhaupt hinzukommen; damit ich dort dann wieder befristet etwas habe, um mich "weiterzuentwickeln". Eben im Bus dachte ich mal wieder daran, wie viel Jahre das wohl noch so weiter geht. Ich habe echt langsam keine Lust mehr. Ich möchte doch "nur" etwas fest(eres) und den Hort meiner guten Laune bei mir. Aber das Leben - geprägt durch die moderne Gesellschaft (die ja die Flexibilität und den primat auf die Karriere quasi verlangt und aufzwingt) - möchte es ja so.

So große Töne à la "wehr dich doch" "machs anders" "es ist nie zu spät was Neues/Anderes zu machen" lassen sich leicht sagen, wenn man etwas hat, von dem man weiß, es wird so schnell nicht verschwinden. Ich kann theoretisch zwar jetzt anfangen eine Ausbildung zum Erzieher zu machen aber praktisch? Ich bin 27, wann soll ich denn mit dem wirklichen Arbeiten anfangen? Wovon soll ich leben? Ich habe keine Lust mehr, jeden verdammten Cent zwei Mal umzudrehen und vom Amt abhängig zu sein (wie mich in der Folge dahingehend gläsern sowie nackt zu machen). 
Mein Leben bestand bisher immer nur aus Kompromissen und das wird sich vermutlich auch die nächsten Jahre nicht ändern, was mich wirklich sehr nahe an der Rand der Resignation treibt.

Nichtsdestotrotz kann ich mich in wenigen und kurzen Momenten freuen. Zum Beispiel über eine Sache, die ich mir mal gönne, Zeit, die ich mir ohne größere Gedanken nehmen kann und die wärmende Nähe, die mich im Schnitt acht bis zwölf Mal im Jahr besuchen kommt.

Für die einen mag das eine sehr pessimistische Lebensweise sein, aber so wurde ich sozialisiert und ich habe mich echt schon sehr gut allein da rausentwickelt, das Fundament ändert sich trotzdem nicht. Bis auf die kleinen Sprünge bei gutem Wetter, laufe ich auf einem Weg, dessen Steine mich oft stolpern und dessen Schlaglöcher mich fallen lassen. Immerhin noch vorwärts. Vielleicht verdiene ich ja irgendwann mal ausreichend, um mich nicht fragen zu müssen, ob ich mir einen neuen Pullover leisten kann, ohne dafür an dem belag für das Brot sparen zu müssen (übertrieben gesagt) oder, um mir entspannter neue Bleiben suchen zu können, haha. Und ganz vielleicht wird der nächste Herbst ein warmer. Das sind meine Fünkchen. Damit auf Wiederlesen.

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