Mittwoch, 30. Oktober 2013

Rein ins Amt!

Hieß es für mich den letzten Monat über, ja, quasi echt jede Woche durch quer durch die Stadt gondeln (min. Fahrtzeit 35 Minuten), um meinen temporären Lebensunterhalt zu sichern. Mein schlechtes gefühl und die Gedanken der humanen Erniedrigung vor mir unbekannten wurde ad-hoc durch die Aussage geschmälert, dass ein halbes Jahr ALGII-Bezug auch für Akademiker, die in den Beruf einsteigen, normal sei.

Nichtsdestotrotz ist dieser Gang kein leichter, nicht nur, weil er einem gewissenhaften menschen erst einmal auf dem gewissen und Seele liegt, sonder auch deshalb, weil man einen halben Wald Papierwert zu tragen (und besten Falle lesen) bekommt.

All dies, natürlich nebst eifriger Stellensuche, emsigen Bewerbungschreibens und latenter Panik, nichts zu finden, bzw. bald aus Verzweiflung alles anzunehmen, führte bei mir zu folgenden Gedankenspielen (die phasenweise regelmäßig pflege):
Wieso habe ich überhaupt studiert? Sicher, ich studierte ein Fach, das ich mir anfangs gar nicht vorstellen konnte, mir immer extrem dröge und "nutztlos" vorkam. Allerdings entwickelte ich langsam aber sicher etwas Spaß an dem Stoff und erfuhr, dass so nutzlos dieses Fach gar nicht war; eher noch, es erschien mir unterschätzt und im sozialen Kollektiv zu wenig gepflegt. 
Wie dem auch sei. Ich schloss das Studium fristgerecht (= in der Regelstudienzeit) und, finde ich zumindest, überdurchschnittlich gut ab (ohne jedoch wirklich viel und fundiert Ahnung [allumfassend] zu haben; aber das ist ein anderes Thema, denn Bologna, bzw. BA und MA stinken). 

Die Suche nach einer sozialversicherungspflichtigen Stelle auf dem primären Arbeitsmarkt schlug mir aber Rasch eine Latte vors Gesicht, denn das was ich "machen kann", können anders ausgebildete Fertigstudenten, laut Ausschreibung, ab Werk besser. Generell erschien es mir, als ob theoretisch nur noch um die fünf Studiengänge gefragt seien. Praktisch mag das anders aussehen, aber dieser Blick erschließt sich mir dann vielleicht mal, wenn ich die Chance erhielt, meine geforderten Berufserfahrungsjahre abzuleisten.

Apropos Erfahrung. Zwecks deshalb jobbe ich in zwei Bereichen. Bei dem einen wurde ich ahnungslos ins Blaue geworfen (nennt sich heutzutage "training on the job") und bei Fehlern verbal an mein persönlich-emotionales Ufer "geredet". Nichtsdestoweniger erhielt ich dort sehr viele Einblicke, lernte viel und bekam Chancen. Bei dem anderen Tätigkeitsbereich diene ich als moderner "Sklave", erhielt demzufolge auch ordentlich Einweisung und einige Führung (nennt sich heutzutage "time is money" und man soll ja alles richtig machen). Soweit so gut, allerdings kollidieren Werte, Vorstellung und Erfahrungen (Ansichten bezüglich diverser Umgänge spezifischer Situationen), weshalb ich langsam aber sicher durch das raster falle; erstgenannter Bereich. 

Der andere Bereich gibt sich human, sozial und fair. Aber auch diese Konzepte werden abseits der vorgegebenen Norm anders ausgelegt, denn es kontrolliert ja ohnehin niemand. So möchte man einiges an Zeit vor eigentlichem Schichtbeginn auftauchen, um ungestempelt zu helfen, damit man nicht über kurz oder lang freigegeben wird. Diese Aussage fand ich sehr verstörend und wusste nicht, wie ich darauf angemessen reagieren soll, weshalb ich es einfach neutral hinnahm. (Auch die nach Schichtende angebotenen Haselnüsse konnten diesen Fauxpas nicht radieren.)

Langer Post, kurzer Sinn: Ich bin "erst" seit einem Monat in dieser schwebenden und unsicheren Situation; kann nicht verstehen, wie Menschen diesen Status Jahre lang aufrechterhalten (partiell willentlich) und dabei nachts noch ruhig schlafen können. Ich zweifele, aufgrund dieser Faktoren, an meinen Fertigkeiten, Qualifikationen und Möglichkeiten. Darüber hinaus stechen mein Alter und einige im Nachgang bereute Entscheidungen. Naja, ich habe keine Zeit mehr, der knechtende Knüppel des abhängig Beschäftigtseins schwingt über mir. Auf Wiedersehen. 

(In dem Sinne: Empört euch.)