Dienstag, 6. November 2007

…Man steht Samstags recht früh auf um den Wocheneinkauf zu tätigen und da ich das meinen Vater nicht alleine machen lassen will, da ich sonst die Woche verhungern würde, stehe auch eben ich zu diesen fast unchristlichen Zeiten auf. Es war nix besonderes, ich wusch mich, zog mich an und guckte bissl im netz und dann ging’s auch schon los. Pfand eingelöst, Proviant und Zutaten für das Wochenendessen gekauft. Eine knappe Dreiviertelstunde später frühstückte man und unterhielt sich so über dies und das. Doch da ich mich unwohl fühlte und meine Nase ein ekelerregendes Gefühl in meinen ganzen Körper entsandte war ich ziemlich ruhig und schnell reizbar. Jedoch nicht der größeren Rede bedürftig, denn was tut man wenn einen Schnupfen und Kopfschmerzen plagen? Genau, Pille nehmen und schlafen gehen. So tat ich es auch am Samstag den 27. Oktober 2007 nach dem frühstück um knapp 20 vor Zwölf mittags. Da mein Vater den erwarteten Besuch einließ und ich nicht weiter stören wollte ging ohne ein Wort zu sagen. Ich war erstaunt als mich dieser Besuch um rund 20 nach Eins wach machte und mir mitteilte, dass mein Vater gestürzt sei.

Ich flitze ungewohnt schnell aus dem bett in Richtung Schlafzimmer meines Vaters wo ich ihn regungslos und mit offenen Augen und Mund erblickte. Da so etwas ähnliches schon einmal passiert war dachte ich mir, dass ich ihn wieder wachgerüttelt kriege. Aber dem war nicht so und ich wusste nicht was ich tun sollte. Da ich keinen Führerschein besitze und somit nur sporadisches Theoriewissen in Sachen Wiederbelebung habe, versuchte ich einfach meine Mutter zu erreichen. Dieses schaffte ich jedoch mehrmals nicht und so kontaktierte ich bzw. kontaktierte der Besuch den Rettungsdienst der recht schnell vor Ort war (für mich waren das aber gefühlte Stunden). Als dieser da war rief ich meinen Bruder an der dann auch kam. Man schickte mich von dem Ort an dem mein Vater lag weg, da ich mir die Wiederbelebung nicht angucken sollte, da diese doch recht heftig ausfallen würde. Kurze Zeit später kam ein Notarzt. Dieser versuchte 14 Minuten lang meinen Vater zurück ins Leben zu holen. Jedoch teilte er mir und meinem Bruder mit das er es nicht geschafft hätte und mein Vater somit verstorben wäre. Ursache war ein klassischer Sekundentod. Meine ersten Gedanken waren der Glaube, dass mich der Arzt verulkt, dem war allerdings nicht so. Die Gewissheit kam eine gute Stunde Später als der Bestatter kam und ihn mitnahm. Mittlerweile war auch meine Mutter eingetroffen die diese Nachricht durch einen Rückruf ihrerseits erfuhr und so schnell wie möglich losfuhr.

Von dem letzten Samstag im Oktober bis zum ersten Samstag im November unterhielt ich mich mit meiner Familie um zu verstehen und zu verarbeiten was geschah. Die Tatsache das mein Vater so plötzlich aus dem leben gerissen wurde ohne auch nur ein Wort mit mir gewechselt zu haben nagt immer noch ziemlich stark an mir. Mein Vater von haus aus sehr verschlossen und redete selbst bei Nachfragen nicht über seine Belange. Jedoch störte mich das auch nicht wirklich, denn wenn er nicht möchte, möchte er halt nicht dachte ich mir und beließ es dabei. Das mein Vater unter Bluthochdruck litt war mir bekannt und auch das er Tabletten dagegen schluckte war mir jahrelang bekannt. Allerdings informierte ich mich erst nach seinem Ableben darüber welches Präparat er da in sich hineinwarf.

CAPTOGAMMA

Indikation
- Bluthochdruck
- Herzmuskelschwäche auch in Verbindung mit anderen Medikamenten
- Gestörte Pumpfunktion des Herzens nach einem Infarkt
- Durch Zuckerkrankheit vorgeschädigte Nieren

Nebenwirkungen:

- EKG-Veränderungen, Herzrhythmusstörungen
- Kalium-, Chlor, Magnesiummangel im Blut
- Kalziumüberschuss im Blut
- Zucker im Blut
- Störungen im Säure-Basen-Haushalt
Zu Beginn der Einnahme sowie bei Salz- und/oder Flüssigkeitsmangel (z.B. durch Erbrechen/ Durchfall, Einnahme von entwässernden Arzneimitteln), Herzleistungsschwäche oder schwerem Bluthochdruck, aber auch bei Erhöhung der Dosierung des Arzneimittels:
- Übermäßige Blutdrucksenkung
- Schwindel
- Schwächegefühl
- Sehstörungen
- Nierenfunktionsstörungen
- Trockener Reizhusten, Atemnot können ebenfalls, wenn auch selten, auftreten
- Übelkeit, Oberbauchbeschwerden und Verdauungsstörungen
- Entzündliche Hautveränderungen
- Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schwäche, Apathie
- Blutbildveränderungen
Insbesondere bei Nierenfunktionsstörungen:
- Anstieg der Harnstoff-, Kreatinin- und Kaliumwerte im Blut
- Abfall der Natriumwerte im Blut
- Anstieg von Blutzucker, Blutfettwerten, Harnsäure und Amylase im Blut
- Erhöhte Kaliumwerte auch bei Zuckerkrankheit
- Eiweiß im Urin

Dosierung
Bluthochdruck:
- Anfangs morgens und abends je 1/4 Tablette (12,5 mg Captopril) für mindestens 3 Wochen
- Wird nach dieser Zeit keine Blutdrucknormalisierung erreicht, kann die Menge auf 2mal 1/2 Tablette (50 mg) oder 1mal 1 Tablette (50 mg) pro Tag erhöht werden.
- Die maximale Menge von 3 Tabletten pro Tag darf nicht überschritten werden.

(Mein Vater nahm morgens und abends jeweils 2. Das hatte er mir gesagt als ich ihn fragte wie viele Tabletten er den schlucken würde.)



Als ich das las und so die letzten Monate resümierte bemerkte ich wie sehr mein Vater doch gelitten haben muss. Das dieses partiell auftretende Hecheln kleine Asthmaanfälle sein könnten oder, dass dieser vermehrt auftretende Süßigkeiten- und Eiskonsum etwas mit einer Störung im Zuckerhaushalt zu tun haben könnte wäre mir so nie in den Sinn gekommen. Zwar kam es mir komisch vor das er alles Salzte, und das obwohl Salz bei Blutdruckproblemen eher Contraproduktiv wirkt, aber er versicherte mir immer das im Gut ginge und es ihm ohne nicht schmecken würde. Überhaupt tat ich alles recht leichtsinnig ab und hinterfragte wenig. Nachhaltig machte ich mir zwar meine Gedanken aber er wich weitergehenden Fragen immer aus und sagte mir mit freudigem Gesicht das es ihm gut gehen würde. Damit war für mich das dann meist auch durch, da ich merkte, dass er mir eh nichts anderes antworten würde. Jetzt sage ich mir, dass ich doch schön früher hätte einen Arzt konsultieren sollen aber ich lag ihm damit immer nur in den Ohren anstatt aktiv tätig zu werden. Freunde, Familie und Bekannte sagten am Ende immer öfter und eindringlicher das er doch bitte einen Arzt aufsuchen solle. Nichtsdestotrotz ignorierte er diesen „Ratschlag“ oder schob ihn nur vor sich hin. Da man einen 52 jährigen erwachsenen Mann nicht wie ein Kind zum Arzt geleiten kann und ihm somit den Arztbesuch aufzwingen kann war uns allen klar. Vielleicht hätte man das doch aber tun sollen. Er ging nachlässig mit seiner Gesundheit um und ich war zu nachlässig ihm mehr Gehör zu schenken bzw. auf die eventuellen kleinen Anzeichen zu achten. Wenn ich Mal etwas fragte antwortete er entweder nicht oder wich dem Thema aus. Er erzählte vorwiegend von seiner Arbeit und seinem Arbeitsleben. Die Fragen nach persönlichen Themen wo eine Öffnung seines Charakters nötig gewesen wäre ließ er unbeantwortet und das schon immer. So als ob er eine Schutzwall um sich zog um ja keinem irgendwie negativ aufzufallen. Er muss in den letzten Monaten höllische Schmerzen gehabt haben aber er ließ sich nichts anmerken. Er fasste sich nie an die Brust oder verzog das Gesicht. Er äußerte nie Beschwerden außer typischen Erkältungskennzeichen.

Weitere Nebenwirkungen die allerdings sehr selten vorkommen sind Apathie und diese geht einher mit Lustlosigkeit, Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit (oder Schläfrigkeit). Das ihm in letzter Zeit immer mehr die Lust zu irgendwelchen Taten abhanden kam fiel nicht nur mir auf aber wir erklärten es uns damit, dass das Leben als Fernfahrer einfach anstrengend ist. Diese Erklärung diente auch dazu uns begreiflich zu machen warum er vermehrt Sitzen einschlief. Die Appetitlosigkeit die er verspürt haben muss wurde uns erst später bewusst als und seine Habseligkeiten aus seinem LKW zukamen. Den Proviant den er jedes Wochenende kaufte war nahezu vollständig unangetastet und selbst Getränke wurden uns reichlich wiedergegeben. Am Wochenende aß er jedoch völlig normal und das sogar in großen Portionen. Wahrscheinlich wieder eine Tat von ihm um keinem Sorgen zu machen und keinem zur Last zu fallen. Jetzt im Nachhinein fallen mir so viele Dinge ein die ich gefragte oder getan hätte. Warum war er par tout gegen einen Arztbesuch? Meine Mutter erzählte mir, dass die Ärzte damals als sie ihn am Rücken operierten schon sehr große Probleme hatten ihn aus der Narkose zu kriegen. Dachte er sich das er keine Bypassoperation überstehen würde, da die Sache mit dem Blutdruck über die Jahre schlimmer geworden ist. Machte er sich überhaupt Gedanken über die Nebenwirkungen etc.? Diese Frage stellt mich in ein Zwielicht der Gedankengänge, denn einerseits muss er gespürt haben was mit ihm oder in ihm vorgeht und mit diesem Wissen scheint er gewisse Unternehmungen getätigt zu haben, denn z.B. schloss er nach seinem letzten, mir bekannten Arztbesuch, eine Unfallversicherung ab und war vehement gegen eine Scheidung. Andererseits muss es ihm gleichgültig gewesen sein was passiert, denn auf die Frage wie er sich vorstellen würde wie es weitergeht oder auf die Anmerkung „Irgendwann fällst du tot um“ antwortete er nur mit „Ja und?“ oder Schulterzucken.

Am Ende bleibt mein Vater ein großes Rätsel versteckt hinter einem massiven Schutzwall. Er fraß alle Sorgen in sich hinein und ließ sich bis zuletzt keine Schmerzen egal ob psychisch oder physisch anmerken. Er handelte für sich im Geheimen um sich außen um den Schutzwall eine heile und angenehme Zufluchtsstätte zu schaffen in der unangenehmen Fragen auswich um seinen näheren Mitmenschen nicht zu schaden. Bei Beleuchtung der Familiengeschichte und Kindheit von ihm wird auch klar, dass es nie gelernt zu haben scheint seine Gefühle und Gedanken offen auszusprechen. Mit seinem älteren Bruder war ein Hoferbe in der Familie und mit seiner kleinen Schwester war die obligatorische Tochter und das Nesthäkchen der Pol der elterlichen Aufmerksamkeit. Ihm hörte eh keiner zu, da er als „mittlerer“ aus konservativem Standpunkt „unwichtig“ war und dieses verhalten behielt er bis zum Schluss bei obwohl er sich in den letzten Jahren immer mehr wandelte und versuchte diese Fesseln abzustreifen. Er lechzte nach Aufmerksamkeit und Liebe doch diese Attribute wurden ihm nicht oder höchstens sporadisch entgegengebracht. In seinem Leben war er ganze 8 Monate Arbeitslos und selbst in dieser Zeit für er nebenbei Taxi um einer Tätigkeit nachgehen zu können. Er versuchte sein ganzes Leben lang zu zeigen das auch er etwas schaffen kann und nicht nur „nutzlos“ und „unwichtig“ ist. Er machte nie freiwillig krank. Er ließ sich seinen urlaub auszahlen nur um gewissen Menschen zu zeigen, dass er tätig ist und dafür Anerkennung verdient.

Diese bekam er selbst an seinem letzten Tag zuhause von seinen Eltern nicht, denn diese blieben nicht einmal bis der Bestatter ihren Sohn ehrenvoll aus seinem Heim trug. Ich denke, dass wenn eine Mutter oder ein Vater ihren Sohn zur letzten Ruhestätte geleiten, man unendliche Trauer empfinden und auch zeigen sollte. Aber ich sehe es ja an mir selbst. Es scheint echt so etwas wie ein „Quaß’scher Fluch“ zu sein, denn Gefühle und Sorgen zeigen, aussprechen oder mit anderen zu teilen schein nicht in die Philosophie dieser Familie zu passen. Ich weine selten und wenn dann still und für mich. „Draußen“ lass ich die Tränen ohne Ton laufen und versuche dagegen anzukämpfen. Diese emotionale Abstumpfung ist nicht Gesund. Ich habe nun erlebt zu welchem inneren Schwanken und Schmerz diese in sich Gekehrtheit führt. Es nagt und frisst sich innerlich an deine Grenzen und lässt dich einknicken bis du brichst. Das kann es nicht sein. Nur an das Bild zu denken welches Andere von einem haben könnten führt zu einem fremdbestimmten Lebensstil. Es wird immer eine Gradwanderung sein was man nun zeigt, sagt und teilt aber alles für sich zu behalten leitet den Lebensweg einfach Richtung Seelen- und Herzensbruch. Ich nehme mir schon länger vor dieses zu ändern aber irgendwie scheine ich in meiner Form festzukleben und ohne Schaden werde ich aus dieser nicht rauskommen. So bedarf es Mut und Kraft diesen Schaden zu akzeptieren und ich fürchte diesen Mut und diese Kraft habe ich noch nicht.

Eines ist jedoch klar, so äußerlich abgeklärt, innerlich zerfressen und erkaltet möchte ich nicht enden. „Wer ihm noch Liebe schuldig ist möge Gott um Verzeihung bitten“ dieses tue ich hiermit und gelobe Besserung. Leider wird der Mensch erst schlau und erkennt seine Fehler wenn etwas vorgefallen und passiert ist. So auch in meinem Falle. Ich habe die nächste Lehrstufe des Lebens erklommen und das zu einem sehr hohen Preis. So bleibt mir jetzt nur noch meinem Vater „bis bald“ zu sagen und zu hoffen, dass er da wo er jetzt ist keine Schmerzen und Sorgengedanken mehr haben muss.

Mein Vater
Hans-Joachim Quaß
*25. März 1955
†27. Oktober 2007

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es ist wie meistens im Leben!" Eltern sagen tue dies nicht, tue das nicht"! Das Sie uns schützen wollen, erzählen Sie in diesem Zusammenhang nicht. Doch Fehler muss jeder Mensch selbst machen um zu lernen, und Erkenntnis zu erlangen. Tja ... der Preis wird immer höher und für uns "kleine Räder im großen Getriebe" unglaublich hoch. Nach und nach verlor ich meine Freunde und viele Angehörige, und in mir schrie der Schmerz... wann wann ist es genug! Warum nur immer die Guten, warum immer die falschen! Ich weiß bis heute keine Antwort darauf! Nur weiß eines ganz genau manchmal sollte man das alte Sprichwort reden ist silber, schweigen ist gold umkehren! In diesem Sinne, sei Dir klar Du hast etwas getan und diese für Dich(so klein und unbedeutend), dieses zuhören es war Dein Teil den Du dazu beisteuern konntest! Ich denke, Er war Stolz das Ihm seine Söhne ab und an Gehör schenkten! Die kleinen Dinge sind es die das Leben ausmachen! Denke an die Wochenenden, so banal das klingt, es hatte Ihm immer eine Freude bereitet nach Hause zu kommen. Du konntest keinen Weg für Deinen Vater wählen, aber für Dich kannst Du es! So nimm Dein Herz in beide Hände, und mach es auf Deine Art und Weise besser. Der Wunsch von Eltern( jedenfalls die Meisten )das es Ihre Kinder besser haben mögen, als Sie selbst. Ich wünsche Dir und den Deinen, das Ihr einen Weg findet damit zu leben(glücklich und zufrieden)! Gesundheit ist das höchste Gut achtet besonders darauf, der Mensch neigt dazu alles schleifen zu lassen(das Gewohnheitstier), seit Gewissenhaft. In Gedanken wird Euer Vater,Mann und Freund immer bei Euch sein! In inniger Anteilnahme

Oli hat gesagt…

On Thobi, das tut mir echt leid für dich und deine family!
Mein Beileid!
Weiss gar nicht was ich da sagen soll, wusste das gar nicht.
Also ich wünsch dir alles gute und wenn ich wieder Geld aufm Handy hab ruf ich mal durch.
Cya